Hilfe! Angstagressiver Hund - was nun? Teil I: Warum reagiert mein Hund so?





Gleich vorweg: Aggressiv bedeutet in unserem Fall nicht, dass Pauline wirklich zu beißt oder gefährlich ist. Sondern, dass sie in ihrem Verhalten aggressiv auftreten kann.

Nachdem Pauline nun eingezogen war, hatte ich ja wie beschrieben große Probleme. Unser früherer Hund,- ein Husky, war der sozialste Hund überhaupt, nun hatten wir das Gegenteil bekommen und ich hatte eigentlich keine Ahnung wie ich mich verhalten sollte und wie ich Pauline das Verhalten abgewöhnen könnte. Stundenlang suchte ich in Foren und Büchern nach Hilfe. Das Problem war, dass überall andere Tipps gegeben wurden. Mal sollte man auf jeden Fall laut "Nein" sagen- mal nicht, weil der Hund denken könne, man rege sich selbst wegen dem fremden Hund (Feind) auf. Dann hieß es man solle auf jeden Fall Kontakt zu anderen suchen und die Begegnung nicht meiden, manche schrieben das Gegenteil. Es war sehr frustrierend und viel schlauer war ich somit auch nicht geworden.

 Auch verstand ich Paulines Verhalten nicht. Einerseits schien sie Angst zu haben, andererseits wollte sie zu den Hunden hin - sie zog und hängte sich in die Leine - in die andere Richtung lies sie sich nicht zerren, am liebsten hätte sie die anderen Hunde in die Flucht geschlagen. Leider weiß ich  nichts über Paulines Vorgeschichte, warum sie sich so verhält kann man nur schätzen. Da sie ja recht klein ist, wurde sie in der Tötungsstation wahrscheinlich oft gemobbt, Angriff war wohl ihre beste Verteidigung! Wie ihr Leben davor aussah, würde ich so gerne wissen. Ich probierte also alles Mögliche aus, geholfen hat im Grunde nichts. Die beste Variante war noch das Ausweichen oder Ablenken mit der Leberwursttube.

Paulines Verhalten allerdings überhaupt erst verstehen oder etwas einordnen zu können, gelang mir durch ein Buch, das ich besonders empfehlen kann, wenn jemand mit einem agressiven Hund zu kämpfen hat. Die folgenden Informationen sind größtenteils zusammengefasst  dem Buch "Das Aggressionsverhalten des Hundes" von James O'Heare entnommen. 

 Warum reagiert mein Hund aggressiv? 

Das ist natürlich so pauschal nicht zu sagen, vor allem wenn man die Entstehung des Problems nicht kennt, wie in unserem Fall. Allerdings ist es so, dass die affektive Aggression immer ein Angriffsverhalten ist (anders als die nicht affektive = Jagdverhalten), welches auf einen bestimmten Reiz gezeigt wird- bei uns ist der Reiz oder emotionaler Auslöser (Wut oder Angst bedingt) der Anblick, Geruch eines anderen Hundes. 
Der Hund hat irgendwann die Erfahrung gemacht, dass er mit Aggression weiter kommt und sein Überleben sichern kann. Durch Lernverhalten verfestigt sich das aggressive Verhalten und wird immer häufiger gezeigt (Erfolgsstrategie), bis es sich automatisiert. Aggression wird also durch Emotionen und operantes Lernen gesteuert. Pauline hat  gelernt, dass sie durch ihr Schreien und nach Vorne gehen, andere erfolgreich vertreiben kann. Wird also ihre Reizschwelle überschritten, in diesem Fall der Individualabstand zu einem anderen Hund, setzt das erlernte Aggressionsverhalten ein. Dies geschieht ganz automatisch und ist vom Hund nicht mehr steuerbar - der Hund reagiert auch nicht mehr auf den Menschen sondern schaltet ab (wie das Ganze genau funktioniert, lässt sich im Buch gut nachlesen). Bei Pauline ist es wohl so, dass sie angstbedingt reagiert, allerdings ohne Meideverhalten (Flucht oder Einfrieren) zu zeigen - sie geht nach vorne. Man spricht in diesem Fall von vermeidungsorientierter Aggression. Ziel ist, den negativen Reiz verschwinden zu lassen. Die Leine verstärkt die Reaktion noch, da Flucht nicht möglich ist. Bei angstbedingter aktiver Aggression sind die emotionalen Ursachen nur Spekulationen und nicht eindeutig bestimmbar. Pauline ist kein Hund, der wirklich zu beißt, jedoch singalisiert sie anderen Hunden deutlich, dass sie keinen Kontakt wünscht (bis auf wenige Ausnahmen). Wird dies missachtet, kann sie schon mal nach anderen Hunden schnappen. Allein ihr - für andere aggressives Auftreten, ist aber schon sehr belastend.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Aggression ist ein Verhalten, dass erlernt wurde und sich verfestigt hat. Es folgt auf einen bestimmten  Reiz, mit dem Ziel, Kontrolle zu erlangen oder zu behalten. Durch die Stressreaktion werden chemische Stoffe ausgestoßen, die die aggressive Reaktion zu einem selbstbelohnendem Verhalten machen. Belohnend wäre in unserem Fall die erfolgreiche Vertreibung des andern Hundes.

Was tun? 


  Dies ist eine schwierige Frage. Man muss sich auf jeden Fall darauf einstellen, dass es eine lange und nicht leichte Zeit werden wird, bis sich Fortschritte zeigen. Aggression ist ein sehr komplexes, sich schnell automatisierendes Verhalten. O`Heare vergleicht das Verhalten des Hundes mit einem zur Gewalt neigenden oder süchtigen Menschen. Wie mühsam ist es bei uns Menschen, so ein Verhalten zu ändern? Nur mit therapeutischer Hilfe lässt sich etwas ändern und ähnlich ist es auch beim Hund. Der Hund kann lernen, sich besser unter Kontrolle zu bringen, das Verhalten wird aber immer Thema bleiben.


1. Als erste Maßnahme sollte man sich überlegen, was die Reaktion des Hundes auslöst. Man schreibt alle Stressoren auf und verschafft sich einen Überblick. Sind es Kinder? Kinder mit Fahrrädern? Andere Hunde? Bestimmte Rassen? Schnell gehende Fußgänger? Verteidigt der Hund Ressourcen? Reagiert er aus Frust an der Leine? Auch organische Ursachen können Aggressionen auslösen .
2. Es ist wichtig, diese Stressoren zu meiden, damit das aggressive Verhalten nicht weiter eingeübt wird, da es sich ja schnell verfestigt. Der Hund darf also nie seine Reizschwelle überschreiten, denn dann kommt es zum Ausbruch! Erst muss der Hund sicherer werden, seine Reizschwelle ausbauen. Aus diesem Grund war es für Pauline in der Stadt auch so schwierig. Ihre Reizschwelle wurde dauernd überschritten, eine Stressreaktion kam auf die andere und es artete in Dauerstress aus. Ich konnte ihr den nötigen Abstand nicht zugestehen.

Ich hoffe, ich konnte dem ein oder anderen etwas helfen. Legt euch unbedingt das Buch zu! Es kann euch bestimmt  noch ein Stück weiter helfen. Welche Maßnahmen wir in Bezug auf Pauline getroffen haben, was man denn tun kann, erzähle ich euch bald!


Schon mal vor ab: Das  Heldenhund Forum hat mir für die Anfangszeit auch sehr geholfen! Der Austausch mit Leidensgenossen tut sehr gut!

Und wichtig: Gebt die Hoffnung nicht auf! Nehmt blöde Kommentare nicht ernst! Es fordert viel Kraft, Geduld und man möchte oft aufgeben, aber denkt daran: Wenn ihr eurem Hund nicht helft, wer dann? Ich bin mir sicher, dass Pauline ein Wanderpokal geworden wäre, wenn ich sie nicht genommen hätte. Sie kam ja schon mal zurück an die Pflegefamilie. Denn mal ehrlich: Wer nimmt freiwillig einen Problemhund, wenn er es auch einfach haben kann? Wer würde die Strapazen auf sich nehmen? Ich bin ganz ehrlich: Hätte ich es vorher gewust, wie langwierig die Sache ist, ich hätte Pauline nicht genommen... Auf das Abraten meiner Familie habe ich nicht gehört, es wird also seine Gründe haben, warum Pauline bei uns einzog. Durch ihre liebe Art werde ich immer wieder entschädigt! Haltet euch vor Augen, dass ihr etwas Großartiges leistet und irgendwann belohnt werdet! Schenkt vor allem den schönen Momenten mit eurem Hund Aufmerksamkeit und seht ihn nicht nur als Problemhund an. Bestimmt gibt es jede Menge tolle Seiten an eurem Vierbeiner! Notiert euch kleine Fortschritte und schöne Erlebnisse. Lasst andere Leute reden- nur ihr wisst, warum sich euer Hund so benimmt und dass es nicht euer Verschulden ist. Klärt andere, wenn möglich auf -  viele Leute zeigen Verständnis! 

Habt ihr noch Anmerkungen, Erfahrungen? Wir freuen uns!

Kommentare:

  1. Wie schwer es ist, sich solch ein Verhalten wieder abzugewöhnen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Mein erster Hund hatte nämlich eine Phase, wo er 5 x hintereinander von anderen Hunden gebissen wurde und zwar richtig. Einen wirklichen Auslöser konnte ich nicht erkennen, es passierte einfach, wobei die letzten Male sicher auf meine Kappe gingen, da ich die Situationen mit meiner Angst noch puschte...

    Geblieben ist ein sehr ungutes Gefühl bei Fremdhundebegegnungen und es hat Jahre (!) gedauert zu versuchen, in nicht einschätzbaren Situationen einigermaßen ruhig zu bleiben.

    Mit Linda kam natürlich alles wieder hoch, zumal sie wie Pauline nicht allzu viel von ihren Artgenossen hält. Angriff ist die beste Verteidigung scheint auch bei ihr ganz gut zu passen, obwohl auch Linda noch nie einen anderen Hund verletzt hat (von Tinnitus mal abgesehen). Ebenfalls weiß ja auch ich nichts über ihre Vorgeschichte (aber meine)... ;)

    Was hat geholfen? Nun, bei uns auf jeden Fall meine innere Einstellung zu dem Thema, auch unschönere Begegnungen mit einem gewissen Humor zu nehmen und die Erkenntnis, dass man auf die Rücksichtnahme anderer Hundehalter nicht hoffen kann. Gelingt natürlich nicht jeden Tag. Zeitweise schönfüttern, Bögen laufen sowieso, Hundenahbegegnungen nur ohne Leine (geht bei Linda, weil sie nicht auf alle Vertreter gleich reagiert - die sprunghaft verspielten und bedrängenden sind ihr ein Greuel) und wenn ich mir dabei nicht sicher bin, wie der andere Hund reagiert, bleibe ich dabei auf keinen Fall stehen und gehe zügig weiter. Habe ich von vorneherein ein sehr ungutes Gefühl, lasse ich es auch nicht drauf ankommen UND (vielleicht der größte Vorteil) ich sehe es nicht unbedingt als Problem(verhalten) an, schließlich kann sich kein Lebewesen nicht verhalten. Wieviel Angst letztendlich bei Linda mitspielt, kann ich so wirklich gar nicht abschätzen, aber eine Erfolgsrate verzeichnet sie dabei auf jeden Fall.

    Was mir auch am Anfang geholfen hat, waren Spaziergänge mit meinen Freundinnen und ihren Hunden, die Linda kannte und akzeptierte, so dass die größere Hundegruppe Einzelbegegnungen abgepuffert hat. Ein spielfreudiger Hund ist ja immer dabei...

    Inzwischen sind wir soweit, dass Linda "extremes Verhalten" nur noch selten zeigt und wenn, sich schnell von mir beruhigen lässt. Es ist so eine Art Spiel geworden, was uns beiden Spaß macht. Auch agiert sie mehr und mehr spielfreudiger mit anderen Hunden, weil sie festgestellt hat, dass ich das wohlwollend betrachte. Ich dränge sie nicht dazu und trotzdem macht sie es nur mir zuliebe, was wirklich ziemlich komisch ist...

    Das alles führt dazu, dass ICH inzwischen bereit bin, mich gezielt solchen Situationen zu stellen bzw. sie regelrecht aufzusuchen (Beispiel Hundewiese). Soziale Interaktion für gestresste Hundehalter wie mich also - hihi. So gesehen hilft Linda vielmehr mir als umgekehrt. Es geht eben nur Schritt für Schritt und in wechselseitigem Vertrauen.

    Ich hoffe, mein Text ist einigermaßen verständlich.

    LG Andrea mit Linda

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  2. Hallo Andrea,

    danke für deinen langen Kommentar! Leider habe ich hier überhaupt niemanden mit Hund, den ich kenne und mit dem wir spazieren gehen könnten... Ich lebe in einem hundelosen Umfeld ;) Das würde bestimmt helfen! Im Hundetraining sind Hundebegegnungen mit entgegenkommenden Hunden auch viel besser, das Rudel gibt ihr Sicherheit. Ich glaube auch, dass die eigene Einstellung ganz viel ausmacht, allerdings habe ich diese Ruhe und das Selbstvertrauen noch nicht gefunden. Ich gehe auch davon aus, dass es noch lange brauchen wird, bis wir uns überhaupt irgendwo aufhalten können, wo Hunde sind. Bis jetzt hilft ja nur, schnell weiter gehen. Sehr schade, denn ich kann Pauline nirgends mitnehmen... Schön, dass es bei Linda schon viel besser geworden ist!
    Liebe Grüße! Anja

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    1. Schade, dass Du so weit weg wohnst, sonst könnten wir Dir im wahrsten Sinne des Wortes zur Seite stehen. .. ;)

      Ob Linda jetzt das Kaliber von Pauline hat, lässt sich natürlich nicht abschließend auf die Entfernung klären. Es war aber zu keinem Zeitpunkt so, dass es sich gar nicht mehr kontrollieren ließ. Leider muss man sich Zeit lassen - es geht nun mal nicht schneller als es geht. Das wichtigste ist, ein für sich funktionierendes Management zu finden, bei dem man relativ gelassen damit umgehen kann. Das wird der Hund irgendwann bemerken und sich vielleicht selbst ein wenig entspannen können usw. usf...

      Ihr schafft das

      LG Andrea und Linda

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  3. Oh, das wäre toll :) Also Pauline war schon sehr heftig! Es war ja nicht nur Bellen sondern richtiges Schreien... Und das, obwohl der Hund auf der anderen Straßenseite war oder weiter weg... Nun ist es besser, aber noch lange nicht gut. Eine anstrengende und teure Geschichte... Für mich heißt es: Lernen ruhig und gelassen zu bleiben! Danke fürs Mut machen ;) Liebe Grüße!

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Thank you for reading!