Hilfe! Angstaggressiver Hund- was nun? Teil II Trainingsmethoden

 

Im ersten Teil haben wir kurz berichtet, warum sich Pauline wahrscheinlich so verhält und wie das aggressive Verhalten entsteht. Heute soll es um Maßnahmen gehen, mit denen man eine Änderung bewirken kann bzw. das Problem in den Griff bekommen kann. Dabei berichte ich von unseren persönlichen Erfahrungen (Pauline reagiert auf Artgenossen mit Geschrei und führt sich furchtbar auf) und Methoden, die nicht den Anspruch erheben, Erfolg zu bringen oder zu jedem Hund passen. Vielmehr soll der Blogbeitrag einen kurzen Überblick über mögliche Methoden geben. Jeder Hund reagiert anders, aus anderen Gründen und auf andere Methoden und ein guter Hundetrainer kann nicht schaden, wenn man selbst erstmal hilflos ist! Auch wir sind noch mitten im Trainingsprozess und testen aus, was Erfolg bringt. Wir haben schon Fortschritte gemacht in einem Jahr, jedoch sind wir noch lange nicht am Ziel angelangt! Was man wohl mit Sicherheit sagen kann- es braucht einfach viel Zeit!

 Management 

Für Pauline war ein erster guter Schritt, sie aus der stressigen Umgebung herauszuholen.  Das heißt dort spazieren gehen, wo möglichst wenige beängstigende Reize auftreten. Wenig Verkehr, keine Hunde in unmittelbarer Nähe. Wichtig ist, dass der Hund immer unter seiner Reizschwelle liegt und es zu keinem Ausbruch mehr kommen kann. Das heißt, man bewacht die Gegend, in der man unterwegs ist und weicht anderen Hunden großzügig aus. Wechselt die Richtung, kehrt um... Super wäre es natürlich, wenn man selbst dabei ganz ruhig bleiben kann, ohne in Stress zu verfallen (das schreibe ich so leicht, dabei ist es so schwer). Gibt es keinen Ausweg, geht man ganz zügig durch die Situation durch. Augen zu und durch, sozusagen. Ich gebe Pauline dann, wenn sie einen anderen Hund sieht und ruhig bleibt ein Leckerli und gehe weiter. Das klappt mittlerweile gut (bei großem Abstand), wäre früher aber undenkbar gewesen. 
  

Markertraining /Zeigen und Benennen 

 Darunter versteht man das Markieren positiven Verhaltens z. B. mit einem  Clicker. Wir arbeiteten bei Pauline von Anfang an mit dem Clicker. Bei ihr funktioniert das sehr gut, wir konnten ihr oft deutlich machen, was wir von ihr wollen. Anfangs haben wir so Tricks gelernt, später habe ich das Clickersignal in den Alltag integriert. Zum Beispiel clickern wir bei jeder Hundesichtung, so lange Pauline ruhig ist und belohnen sie. Auch fremde, unbekannte Dinge werden beclickt udn belohnt und so positiv besetzt. Sehr empfehlen kann ich die Methode "Zeigen und Benennen". Dabei soll der Hund den angstauslösenden Reiz ruhig anschauen. Klappt das, wird sofort geclickt und belohnt. Der Reiz wird benannt, z. B.: " Schau mal, ein Hund". Entdeckt der Mensch den Hund vor seinem Vierbeiner, kann er ihn dann darauf aufmerksam machen. Der Hund sucht, schaut und es wird belohnt. Es entseht eine Art Spiel daraus. Pauline soll nach Hundesichtung meine Hand anstupsen, als Ersatzhandlung und zur Ablenkung- mit Abstand klappt das schon ganz gut und ich habe das Gefühl, dass es, seit wir diese Methode nutzen schon besser wurde. Sie genau zu erklären spare ich mir, da ihr hier  und hier jeweils schon einen wunderbaren Beitrag findet. Außerdem kann ich euch das Buch Stressfrei über alle Hürden von Leslie McDevitt empfehlen. Es richtet sich nicht nur an Hunde aus dem Hundesportbereich, sondern enthält sehr viel Wissenswertes zur genannten Methode, obwohl der Titel leider irreführend ist.

  Desensibilisierung 

Bedeutet so viel wie Gewöhnung. Der Hund soll sich an den auslösenden Reiz langsam gewöhnen. Das geht in kleinen Schritten, erst in sehr großem Abstand, dann wird er langsam verringert. Kommt es zu einer aggressiven Reaktion, wurde der Sicherheitsabstand des Hundes unterschritten. Desensibilisierung wird oft kombiniert mit:

Gegenkonditionierung 

Dabei soll eine bereits bestehende Konditionierung (anderer Hund als Aggression auslösender Reiz)  überlagert werden. Die negative Konditionierung  wird durch eine Positive ersetzt. Das heißt der Hund bekommt, wann immer ein anderer Hund auftaucht und so lange er sichtbar ist eine besonders gute Leckerei. Zum einen kann der Hund immer nur einem Reiz erliegen- der Futterreiz sollte stärker sein, als der Reiz, sich auf den anderen Hund zu konzentrieren, zum anderen wird nach und nach eine positive Erwartungshaltung aufgebaut und andere Hunde werden irgendwann als etwas Tolles wahrgenommen, da ja immer eine besondere Belohnung kommt. Diese kommt aber nur, wenn der Hund sich noch nicht hochgefahren hat, also ruhig beibt. Dazu kann noch geclickert werden. Praktisch dafür sind Leberwursttuben oder Futtertuben, die man selbst füllt. Nimmt der Hund kein Leckerchen mehr an, ist er wahrscheinlich schon zu sehr im Stress und der Abstand muss vergrößert werden. Vielleicht ist der Hund auch nicht mit Futter zu bestechen, dann wäre ein tolles Spielzeug oder eine Streicheleinheit besser- es sollte jedenfalls etwas ganz Besonderes für den Hund sein. Anfangs hält man den Abstand zum Auslöser sehr groß, wenn der Hund irgendwann schon alleine das Leckerchen einfordert, kann der Abstand etwas verringert werden und erst dann kommt die Belohnung. Der Hund muss sich immer sicher fühlen.

  Konditionierte Entspannung   

 Geht davon aus, dass man Entspannung erlernen kann und als Mittel gegen Übererregung einsetzen kann. Das Ganze klappt über die klassische Konditionierung. Ein Reiz (Massage) wird mit einem Signal (z.B. leise gesprochenes "easy" oder "Ruhe") verknüpft. Oder man spricht immer, wenn der Hund sich von allein im entspannten Zustand befindet. Wichtig ist also der entspannte Zustand bevor das Signal kommt. Macht man das regelmäßig, wird irgendwann das Wort zum konditionierten Reiz, der Entspannung auslöst und in Stresssituationen angewendet werden kann. Der Hund wird ruhig und kann wieder auf uns achten und sein Alternativverhalten ausüben (Hand berühren,...) Alles dazu findet ihr hier Bei Youtube gibt es auch gute Videos zum Thema.
Desweiteren ist die Kombination mit Gerüchen zu empfehlen. Dabei wird der Geruch zum auslösenden Signal. Es gibt verschiedene Dufte, wie Lavendel oder Zitrone für Hunde. Kein Duftöl verwenden, dass ist zu hoch konzentriert. Gibt man ein paar Tropfen auf ein Halsband und legt es dem Hund im entspannten Zustand um, verbindet er den Geruch mit diesem Zustand. Zu bestellen hier

 Calming Signals

Auch wir Menschen können diese einsetzen, dass heißt wir gähnen demonstrativ, wenn ein anderer Hund in Sicht ist oder laufen einen Bogen um den Hund. Näheres dazu hier

Ersatzhandlung  

Kann mit den anderen Methoden kombiniert werden. Das bedeutet, der Hund berührt bei Hundesichtung die Hand des Menschen, lernt ihn anzuschauen oder soll ein Spiezeug tragen. Da der Hund eine Aufgabe erhält, fällt es ihm leichter seine Unsicherheit abzubauen und die Konzentration auf den Menschen zu lenken.

Unterstützende Maßnahmen: 

 Thundershirt: Kann gegen Ängste helfen, habe ich aber noch nicht wirklich oft angwendet.

 Bachblüten: Es gibt bestimmte Bachblüten doer Homöopathische Mittel die gegen Ängste   wirken sollen. Hier auch mehr im Buch "Der ängstliche Hund"

DAP: Das Mittel  ist soll ähnlich, der Pheromone in der Muttermilch wirken und somit eine beruhigende Wirkung auf den Hund haben. DAP gibt es Halsband, Zerstäuber oder Spray. Letztere sind für kurzfristiges Anwenden, z. B. bei Autofahrten und Feuerwerk einzusetzen. Das Halsband hält ca. 4 Wochen. Keine billige Angelegenheit, aber viele schwören auf die Wirkung. Ich hatte es für Pauline ganz am Anfang gekauft, sie kratzte sich ständig und ich dachte, es kommt vom Halsband, dabei waren es Flöhe (schön, wenn der Hund so von der Pflegefamilie kommt und die von nichts gewusst haben will- Pauline kratzte sich aber ohne Unterbrechung...). Ich möchte es aber gerne nochmal testen. Hat jemand Erfahrung damit, dann gerne mitteilen!


Zum Schluss noch ein Buchtipp: Hat man einen ängstlichen Hund zuhause, ist man mit dem Buch von Nicole  Wilde "Der ängstliche Hund"  gut beraten. Die Autorin geht auf verschiedene Ängste und Ursachen ein, gibt Anleitungen, wie gearbeitet werden kann und weiterführende Therapien (unter anderen eben Genannte). Um sich einen Überblick zu verschaffen, ist das Buch sehr gut geeignet. Es werden auch alle möglichen Ängste extra behandelt.


Trotz aller Methoden und Hilfsmittel bleiben das Wichtigste immer noch die eigene souveräne Haltung und Zeit. Zeit, in der der Hund Vertrauen aufbauen kann und sich weiterentwickeln.Wir haben Pauline jetzt fast ein Jahr und sie hat sich gut entwickelt, ist entspannter und orientiert sich etwas mehr an uns, man merkt aber nach wie vor,dass sie eigenständig gelebt hat und lieber selber handelt, als uns zu vertrauen.Gerne hätte man das Problem sofort gelöst, ein Wundermittel gibt es jedoch nicht- wer eines hat bitte sofort melden!! ;) 

Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Überblick vermitteln, bei Fragen gerne schreiben, ansonsten bin ich wie immer über Erfahrungen und weitere Tipps dankbar!
Liebe Grüße
Anja und Pauline 

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